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Donnerstag, 17. November 2022

Seelenfenster - Durchgänge zu den Seelenwegen

Kürzlich entdeckte ich in einem antiquarisch erworbenen Buch ( = Siegmund Riezler: Die Orts-, Wasser- und Bergnamen des Berchtesgadener Landes, 1913) den Begriff Seelenfenster. Sie heißen im Berchtesgadener Land Seelabalgga oder auch Seelenglotz oder Seelenloch. Es sind "kleine Fensterchen im Blockhausbau (...), die einem alten heidnischen Brauch zufolge geöffnet wurden, um der Seele Verstorbener Austritt zu gewähren und nach Verschließen von innen Wiedereintritt als Wiederkommer (Geister ?) zu verwehren."

Ein Seelabalgga unterhalb des Vogelhäusls am Hausknechtlehen
auf der Metzenleiten am Südhang der Kneifelspitze

Interessanterweise machten wir kürzlich einen Ausflug zur Kneifelspitze und ebenso kürzlich erhielt ich den Tipp, die Marxenhöhe zu besuchen, die nur 300 m Luftlinie vom Hausknechtlehen liegt.
Das Hausknechtlehen als früher typischer Zwiehof  bzw. Einödhof (erbaut 1592 !) selbst ist inzwischen zu einer Ferienwohnung umgebaut worden, ebenso der nebenstehende Feldkasten und steht unter Denkmalschutz, daher ist auch noch das Seelenfenster im Originalzustend erhalten.

In der Region Maria Gern - eventuell im Berchtesgadner Raum selbst - gab oder gibt es noch mehrere Seelenfenster.
Dem Volksglauben nach wurden die verstorbenen Seelen auf ihrem Seelenweg in den Schoß der Urmutter und Bergmutter Percht von den Seelenbegleitern (= Zug der Untersbergmandl) geführt - und damit in das Ahnenreich des Untersbergs, als einzigen mitteleuropäischen Ahnenberg.
Bis heute hat sich das Wissen um Seelenwanderung und Seelenbegleiter nicht nur in den Untersbergsagen sondern auch sehr stark in der Schweizer Bergwelt mit ihrem Gratzug (Stichwort Winna) erhalten.
Im Volk gab es lange Zeit den Brauch Kerzen in Fenster zu stellen, um den in Dunkelheit umherirrenden Armen Seelen den Weg zu weisen. In den Zeiten ohne Elektrizität galt die Dunkelheit als Zeit der Geister. In heutiger Zeit werden Seelenwege aufgrund der Zersiedlung und Lichtsmog von den Armen Seelen nicht mehr gefunden oder erkannt und so werden sie heute wie damals zu Irrlichtern.

Das Thema passt natürlich gerade jetzt zu den bevorstehenden Rauhnächten, wo die Percht mit ihrer Wilden Jagd die Armen (verirrten) Seelen zum Jahresende aufsammelt und in ihr Unterweltreich begleitet.
Sehr interessant in diesem Zusammenhang ist auch die landschaftsmythologische Lage jener Bauernhäuser bei Berchtesgaden bzw. Maria Gern, gilt dieser Bereich nach der Patriachatsforscherin Dr. Heide Göttner-Abendroth (Philosophin und Kultur- und Gesellschaftsforscherin) doch als der Ausläufer der Roten Liegenden Göttin von Ettenberg. Vom Kiliansberg im Zentrum des Unterleibs der Liegenden Göttin gibt es die Überlieferung der Drei Sennerinnen, die versteinert wurden. Göttner-Abendroth identifiziert wiederum einen Tätigkeitsraum der Drei Wildfrauen als Priesterinnen der Percht, die dort sogar eine Alm besaßen und im Rahmen der Patriachalisierung sich zurückzogen.


Mittwoch, 19. Mai 2021

Bethruf an die Berge

Vom Untersberg heißt es, er sei der einzige Ahnenberg Mitteleuropas. Am Weg in seine Zwischenwelt werden die verstorbenen Seelen von den Untersbergmandl in einer Art Seelenzug begleitet. Die Bergmutter Percht nimmt dann die Seelen in ihren Schoß auf, bis sie weiterziehen dürfen - ins ewige Licht oder zur Wiedergeburt.
Doch auch von den Schweizer Bergen wird Ähnliches überliefert. Dort werden die Seelen nach ihrem Seelenzug in die eisige Welt der Gletscher aufgenommen und von der Gletscher- bzw. Bergmutter behütet.




Ihrem Ursprung nach sind alle Berge mächtige Wesenheiten und Geister, die einst den Menschen heilig und oft auch tabu (siehe der Kailash in Tibet) waren. Es ist gerade in der heutigen Zeit der Entfremdung des Menschen von seiner Natur, seiner Mutter Erde, notwendig, die Heiligkeit wieder herzustellen, wieder ins Bewusstsein zu rufen. Und eine Möglichkeit dazu ist der Bethruf, der heute noch auf den Schweizer Almen zelebriert wird und auch in unsere Regionen wieder zurück kehrt.

Der von mir erstellte Bethruf an den Untersberg kann daher auch für alle Berge transformiert werden:


Bethruf an die Berge

(schamanischer Alpsegen)

Heilige Berge der Alpen,
die ihr die Percht in euch tragt
bewahrt uns vor Unglück, Krankheit und Not.

Ich ziehe den goldenen Ring
zum Schutz für all die Menschen und Wesen in meiner Mitte.

Ich rufe die Drei Saligen
und erbitte ihren Segen und Schutz für die Kinder von Mutter Erde.

Lobet das Murmeltier, den Hirsch, den Adler und die Gams
- die Tiere der Berge, die uns Kraft geben.
Lobet die Kräuter der Wiesen und Almen.
Lobet das lebendige Wasser deiner Quellen.
Lobet deine mächtigen raunenden Bäume.
Lobet das stille Wirken deiner Steine und Felsen.
Lobet den Kreis der Großen Sieben.

Ich grüße das alte Volk,
das in den Mythen und unseren Herzen weiterlebt.  



Dienstag, 20. April 2021

Spiegelwelt - Spiegel der Seele

 

 Spiegelwelt – Spiegel der Seele


Die Sagenwelt des Untersbergs ist gefüllt mit Schilderungen einer Spiegelwelt, die bis in die heutige Zeit reichen.
Als Ahnenberg und Berg des Lichts werden diese Widerspiegelungen erkennbar. Menschen, die zu diesem heiligen Berg pilgern, sind eher weniger die altbekannten Bergsteiger sondern Sinnsuchende, Menschen auf ihrem Heilsweg. Sie stellen sich einer großen Naturwesenheit und vertrauen dabei der göttlichen Führung. Es ist schon mit dem Jakobsweg vergleichbar, wenn bei den ausgewählten Wegstationen u. a. die Untersbergkirchen maßgeblich sind – oder einer der zahllosen Kraftorte in, auf oder um den Berg. Dann begegnen dem Pilger schon mal seltsame Zwerge, Wildfrauen oder gar ein Kaminkehrer – und zwar in der Bergwildnis. Es öffnen sich die Pforten zu einer anderen Welt, die manchmal auch verführerisch und gefährlich sein können und sogar zu Zeitverlusten führen können. Doch ist es nicht unumgänglich bei der Auseinandersetzung mit dem Selbst, der eigenen Seele auch etwas für uns Menschen so wertvolles wie Zeit investieren zu müssen?

Untersbergpfarrer Herbert Schmatzberger sagte vor vielen Jahren: 
„Was auf dem Untersberg geschieht, geschieht auf der Welt.“

Manchmal – in Krisenzeiten wie gerade in diesem Jahr – geht die Widerspiegelung sogar weiter und wird zu einer Mahnung und Prophezeiung. Mit Nordlichtern, eingeschlagenen Meteoriten, Erdbeben/Felsstürzen, Bergblut setzt der Berg Zeichen und mahnt uns, unsere Wege zu überdenken, neu zu beginnen, bewusst zu werden. Dazu schenkt er uns im Jahreskreis wundervolle Sonnen- und Wetterschauspiele, schenkt uns sein hochenergetisches Heilwasser, seine Kräuter, seine raunenden und hilfreichen Baumfreunde, seine stillen und kraftvollen Felsen und seine stille und tiefgehende Unterwelt.

Natürlich kannst du in dieser Spiegelwelt deinen eigenen Abgründen, deinen Schattenseiten begegnen. Selbst der Untersberg besitzt diese – mit Vorsicht zu genießenden - Zwielichtzonen (Fürstenbrunn/Grödig und Hallthurm). Aber genauso mögen sich die (geistigen) Höhen zeigen, vielleicht oder gerade auf seinen Gipfeln.

Der Bergspiegel

Untersbergpfarrer Valentin "Voitl" Pfeifenberger

Valentin "Voitl" Pfeifenberger (* 1914   † 2004 ) war von 1956 bis 2004 Pfarrer von Thomatal im Lungau. Er war bekannt für seine ...